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Ein-Heizer. Anleitung zur Selbstverwirklichung.

 

Würde mich jemand fragen: »Zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft?« müsste ich spontan antworten: bis zu ihrem bitteren! Bis eben alles aus- und leergeforscht ist und man endlich wieder einfach nur lesen darf. Bis ans Ende aller Sätze und Fragen – Punkt. Doch gemeint wäre mit der Frage wahrscheinlich ganz etwas anderes. Vermutlich etwas wie: Muss das wirklich sein? Gibt es überhaupt irgendeine Notwendigkeit, Literaturwissenschaft zu studieren? Etwas, das mit Existenz und Sinn und Bestimmung zu tun haben könnte? Gibt es einen inneren Zwang, eine Art Berufung, etwas, das junge Menschen mit Macht in schlecht geheizte Bibliotheken und überfüllte Seminarräume zieht? Und, ganz praktisch und lebensberaterisch gedacht: Was soll man einem empfehlen, der ausgerechnet hier die Sinnfrage stellt? – Ich persönlich wäre überfragt, ganz ehrlich. Doch zum Glück wird gewiss nie einer den Weg zu mir finden, bis zu mir herab steigen, leise an meine Türe pochen, Eintritt begehren, um mich sodann mit seinem heiligen Lebensernst zu belästigen. Und so besitze ich alle Freiheit & Freizeit dieser Welt, Dunkles durchzuspielen: schwierige Schacheröffnungen, den Untergang des Abendlands, die typischen Kinderfragen der Philosophen, und (warum nicht?) sogar solche Kleinigkeiten wie die Sinnkrise der Literaturwissenschaft.

 

Wozu Dichter in dürftiger Zeit? fragte Hölderlin. Und wenn der es schon nicht wusste, darf man wohl getrost etwas länger darüber nachdenken. Wozu – könnte die aktuelle Anverwandlung dieser Urfrage lauten – soll man die asklepiadeische Odenstrophe pauken oder begreifen, was Derrida unter ›différance‹ verstand? Soll man das nur lernen oder auch behalten? Nur fürs Examen oder gleich fürs ganze Leben? Und wenn ja, für welches? »Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand«, schrieb Rilke einem jungen Dichter, »Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben?« In der »stillsten Stunde der Nacht« solle sich der junge Dichter dann fragen: »muss ich schreiben«? Nur wenn – so Rilke weiter – dieser höchste Grad der Notwendigkeit erreicht sei, dürfe er seinem »Drange« nachgeben.

 

Nun, so fragen wir uns heute – da oben in den Hörsälen wie hier unten in den Gewölben – welcher Drang vermag solchem Anspruch wohl standzuhalten? Würden heutige Dichter auf Rilke hören, bräche gewiss recht bald das gesamte Buchwesen zusammen: einige wenige Verleger, Kritiker und Buchhändler wären einzig damit befasst, die ebenso raren überlebenden Autoren (d. h. diejenigen, die siegreich durchs Fegefeuer kritischer Selbstprüfung gelangt und damit vom sicheren Tode der Unberufenheit erlöst wären) nach allen Regeln der Kunst zu hegen und zu pflegen, zu hätscheln und zu tätscheln, mit netten Drinks, bequemen Sesseln und Rentenansprüchen zu versorgen, bis aus diesem ursprünglich und urwüchsig der existentiellen Not geschuldeten Berufsstand ein Klüngel fettleibiger, selbstzufriedener Ruhmjunkies geworden wäre, bei dessen unerfreulichem Anblick Originalgenies wie Rilke oder Hölderlin in ihrem kühlen Grabe gewiss ein paar elegische ›Rouladen‹ gedreht hätten.

 

Wie stark also muss der Drang sein, um legitim zu erscheinen? Und wann spätestens sollte man ihm nachgeben? Die Literaturgeschichte sowie das eigene berufsberatende Kopfkino kennen hier verschiedene Szenarien, um ans Ziel zu gelangen: Sie reichen von Goethes Ritt nach Sesenheim, über Virginia Woolfs Tintenfassmord an ihrem gezähmten Hausengel bis hin zur tautologischen Erkenntnis des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss: »Schreiben verschafft einem Menschen eine Existenz als Dichter. Er lebt als Dichter, er denkt als Dichter, er schreibt als Dichter.« Der gemeine Literaturwissenschaftler hingegen lebt als Beamter, denkt als Oberlehrer und schreibt als Bandwurm. Frei tänzelnde oder abgründig schlurfende Geniehaftigkeit ist bei ihm ausdrücklich und vordenklich nicht erwünscht. Hier drängt der Drang a priori in methodische und historische Bahnen, wird ab- und umgelenkt, subsumiert und sublimiert und schließlich auf wissenschaftshygienisch vorteilhafte Weise in eines der vorgewärmten Betten kanalisiert. Dort rinnt und blubbert er dann schadstofffrei so vor sich hin. Manche betreiben damit gemächliche Quellenkunde, andere, von eher teleologischem Temperament, bewegen sich mit Verve in die entgegen gesetzte Richtung, lassen Gedanken in eifrige Systeme münden oder verströmen sich assoziativ im Ozean ihrer angelesenen Enzyklopädie. Ich mache da keine Ausnahme, auch ich habe meine Methode: hier, in meinem Kellerloch, steht auf jedem Rohr ein Spruch: »Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, sich selbst zu entdecken (Galileo Galilei)« oder: »Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt auch, wenn man keine hat. (Wilhelm Busch)«. Und wenn der abblätternde Putz die Schrift korrumpiert, alles unleserlich macht, wird eben rasch etwas Neues darüber gepinselt. Manche Kollegen nennen so etwas dann gerne ›Palimpsest‹, und das ist, wenn der Galilei durch den Busch hindurchschimmert oder umgekehrt. Ich hingegen klopfe einmal kräftig auf’s Rohr, und wenn der Spruch dann hält, bin ich’s zufrieden. Hier unten kommt’s auf die Terminologie nicht mehr so an.

 

Für unser zivilisatorisch gewiss hochwertiges Tun haben wir jedoch – im Gegensatz zum Schriftsteller, der ja nichts gelernt hat, außer eben seinem inneren Drange zu folgen – keinerlei Ausreden. Wir können nicht behaupten: »Ich musste diese Rezension schreiben, weil ich sonst todkrank geworden wäre« oder: »Wenn ich diese Handschrift nicht herausgebe, ist mein Leben verpfuscht«. Wir können so etwas allein schon deswegen nicht sagen, weil niemand es uns glauben würde. Denn rein ökologisch betrachtet, d. h. hinsichtlich unserer Stellung in der Nahrungskette, sind wir ja nur Hyänen und Aasgeier, die auf einigen erlesenen Literatur- und Kulturleichen hocken (man spricht euphemistisch auch gerne von ›Textkörpern‹), diesen die letzten Pikanterien aus den vergilbten Knochen zerren und picken, während uns die untergehende Sonne am Horizont zu immer effizienterer Entbeinung gemahnt. Wer kann schon den Schnabel halten, wenn das corpus delicti über Jahrzehnte und Jahrhunderte in aller Munde verwest? Dies freilich gilt nur für die Entsorgung der Klassiker. Bei AutorInnen der Gegenwart ist die ökologische Funktion des Literaturwissenschaftlers eine andere. Hier besetzt er gewissermaßen die systemische Nische des Schmarotzers bzw. des anämischen (und saisonbedingt bisweilen blutrünstigen) Vampirs, der lebendige Kunst in tote Analyse verwandelt und dabei – in aller Regel – mindestens das Doppelte der Ausgesaugten verdient, vermutlich als Entschädigung für das entgangene symbolische Kapital.

 

Manch einem dieser wehrlosen, der hermeneutischen Gier preisgegebenen Kadaver (Charogne!) gelingt es allerdings, sich dem Zugriff, post mortem, zu entziehen, indem er seine Nahrhaftigkeit listig verschleiert oder, noch perfider, qua Selbstentleibung und/oder Schnellverwesung der Hand des Leichenfledderers zuvorkommt. Und wenn sich der professionelle Zergliederer dann mit Heißhunger und inbrünstiger ›Lust am Text‹ auf einen solchen in subversiver Fäulnis vorverwesten Sprach- und Textleib, z. B. einen Holzschen oder Jandlschen Klangtorso, stürzt, sich dabei mit seinem Textbegehren aber die Zähne ausbeißt – denn was ließe sich aus einem fauligen Schwall wie:

 

...wenn du haben verloren / den zusammensetzen von Worten zu satzen, wenn du haben verloren / den worten überhaupten, sämtlichen Worten, du haben / nicht einen einzigen worten mehr: dann du vielleicht / werden anfangen leuchten, zeigen in nachten pfaden / denen hyänen, du fosforeszierenden aasen!),

 

anderes deduzieren als die radiküle Selbstzerfleischwerdung und Selbstzersatzung des Wundwindwortes? – bleibt die bissige »Rache des Intellekts an der Kunst« für einmal ungestillt. Frau Sontag möge verzeihen. Hungrig schnüren wir weiterhin um den Brei, mutmaßen missmutig dieses und jenes; und wenn ein Unglücklicher mich in solchen Momenten tatsächlich fragt: »Wozu hast du eigentlich Literaturwissenschaft studiert?«, verspeise ich ihn anstelle des Textes. Die Keller der Universitäten sind schalldicht, das hat man mir garantiert, als sie mich nach unten brachten.

 

Freilich gibt es unter Literaturwissenschaftlern auch ein paar Schummler und Schmuggler, haltlose Individuen, die ihren Drang schlecht beherrschen und heimlich unter der Bank Gedichte schreiben, diese dann allerdings meist wieder verwerfen, weil es nicht einmal für die Schublade reicht. Andere wieder haben ernstere Ambitionen, wollen es eingebildeten Autoren wie Egon Kunstmann oder Friederike Säusel mal so richtig zeigen, sie, diese Erzfeinde, die sich nicht entblöden, tatsächlich ›Kunst‹ zu betreiben, sich narzisstisch in jeder Talkshow zu spreizen und in ihrem kreativen Dünkel glauben, mit eitlem Geschmiere in die Weltliteratur einzugehen (Doch weit gefehlt! Diese heil’gen Hallen weiß die Zunft gottlob vor bübischer Entweihung zu schützen!), demütigen, sprachlos machen, indem sie nun ihrerseits mit einem ›richtigen‹ Roman aufwarten, d. h. mit dem ganz großen Wurf, welcher unbeschadet postmoderner Anfechtungen gewiss zum Weg weisenden Klassiker des neuen Jahrtausends würde, wären da nicht die lieben Kollegen, die bereits Schenkel klopfend zum Hallali blasen. Der große Roman ist freilich immer nur Plan B, geeignet für die Zeit nach der Pensionierung/Emeritierung, wenn das Brot allmählich wieder dem Geiste weicht. Plan A heißt nach wie vor: Wissenschaft, Analyse, oft gnadenloser Verriss oder, sofern man sich direkt im Betrieb einrichten möchte, ebenso gnadenlose Lobhudelei.

 

Schillers idealistisches Geschwätz vom »philosophischen Geist«, der keinerlei Fleisch- und Brothunger verspüre und sich daher weder an wehrlosen Textkörpern noch an unschuldigen Gedanken vergehe, kann ich freilich nicht nachvollziehen. Hier unten ist es viel zu heiß für solch naives Getue, ein aufgeblasener Gutmensch könnte unter solch schwülen klimatischen Bedingungen wohl kaum überleben. Wenn ich denen da oben so richtig einheize, bis mir der Schweiß (und nicht wie früher die Tinte, als ich noch in den höheren Stockwerken verkehrte!) aus der »schlaffen Seele« tropft, dann frage ich mich, wie der im Revolutionsjahr 1789 von Schiller diagnostizierte »rasche Wechsel von Finsternis und Licht« so ganz ohne Kohle wohl stattgefunden haben mag. Hier im Haus ist sie jedenfalls der Motor, der Lichtschalter, die Mutter aller Dinge, der Stoff, an dem sich alle wärmen, und ich, der Heizer, sorge (mit Rat & Tat!) für die richtige Wohlfühltemperatur – solange jedenfalls, bis der Solarenergie entsprechende Zellen unterm Dach frei geräumt werden. Doch bis dahin wird Wissenschaft weder hitze- noch staubfrei sein.

 

Wir haben also keine Ausrede. Wer Literaturwissenschaft studiert hat, hat etwas Anständiges gelernt. Und wenn einer das Gegenteil behauptet, was ja durchaus vorkommen soll, und zwar häufiger als man sich das im Ghetto der eigenen Fakultät vorzustellen vermag, wenn also so ein Manager-Fuzzi, Hirnforscher, Bezirksstaatsanwalt, Apotheker, Fleischhacker, also einer von den Nutztieren, möchte man fast sagen, eben dieses Gegenteil behauptet, sich hinstellt und unsere Zunft einfach nicht ernst nimmt, dann entgegnen wir diesem Unfug mit einem überlegenen Lächeln, zitieren Schiller oder sogar den Philosophen Wilhelm Schmidt-Biggemann (FU Berlin), der kürzlich behauptete – und das unterschreiben wir natürlich alle mit Tinte UND Blut – das Wesentliche an den Geisteswissenschaften sei die Phantasie. Er meinte damit, man traue es sich zu, die »Dinge einfach durchzudenken«. Dabei, so Schmidt-Biggemann, gehe es »nicht darum, ob diese Dinge richtig oder falsch sind, sondern allein darum, dass sie erst einmal da sind«. Bravo! Solchen Mut zur Lücke, diese ontologische Bescheidenheit brauchen die Klassiker von morgen. Denn allein das bohrende ›Wozu?‹ ist ja schon hoch verdächtig. Frage ich mich etwa, wozu ich hier unten durch die Gänge trabe, Kohlen schleppe und schaufle? Damit die da oben es schön warm und gemütlich haben und beim Denken nicht ins Schwitzen geraten oder einen gar zu kühlen Kopf bekommen, was sonst? Aber auf’s »interesselose Wohlgefallen« und die »Entkoppelung von Arbeit und Denken« lasse ich – auch im Schweiße meines Angesichts – nichts kommen. Diese Lektion habe ich gelernt, das könnte ich noch unter dicksten Staubschichten herauf- und herunterzitieren. Den anderen geht es offenbar ähnlich. Sammelbände zur neuen Rechtfertigungslehre mit Titeln wie »Das Ende der Bescheidenheit« oder: »Wir basteln uns eine soziale Identität« verschicke ich täglich per Rohrpost nach oben. Dort werden sie gebraucht, wie das tägliche Brot.

 

Und haben wir das Zitieren einmal hinter uns, gehen uns im kulturell erweiterten Universum tatsächlich mal die passenden Argumente aus, schwätzen wir uns, nicht (mund-)faul (Vorbild Schiller!), einfach schnell und geschmeidig durch’s ganze Problem hindurch, reden uns was zurecht von Lesekompetenz, analytischem Denkvermögen, humanistischer Bildung, Klärung der Selbst- und Weltverhältnisse, kulturellem Gedächtnis, Kritikfähigkeit und dergleichen mehr. Und wir reden und reden, so lange, bis dem Fleischhauer das Hackebeilchen auf die Gummistiefel fällt und der Hirnforscher Kopfweh bekommt. Denn das gehört in unserem Fach ja sozusagen zum Kompetenzkernbereich: wenn wir eines beherrschen, dann das: dis-ku-tie-ren! Rhetorik! Hermeneutik! Da sind wir sogar besser (weil skrupelloser und hemmungsloser) als Theologen, Juristen oder Politiker. Wir bewaffnen uns mit einer Ladung übrig gebliebener Zitate, und los geht’s in den rhetorischen Schlagabtausch. Mit unserer Verve und unserem theoretischen Erfindungsreichtum diskutieren wir jeden beliebigen Gegner zurück in die sprachlose Vorgeschichte. Steinzeit! Schweigen! Ein Germanistikprofessor an einer Fakultätsratssitzung, ein Deutschlehrer auf einer Notenkonferenz, ein Feuilletonredakteur bei der Morgenbesprechung, ein Haus- und Heizmeister in der Portiersloge – sie alle ersetzen einen schlaffördernden Kamillentee oder das soporiphige Brummen der Klimaanlage. Man nickt uns milde zu, weil man weiß, dass man jetzt ein wenig abschalten kann, und man nickt ebenso freundlich, wenn wir unsere Ansprache endlich beenden, weil nach uns eigentlich nur noch die Kaffeepause kommen kann. Alles andere wäre wirklich eine Zumutung.

 

Selbstironie bzw. eine besondere Abart derselben gehört zum Handwerk. Germanisten machen sich gerne über Germanisten lustig. Auch das haben sie mit den Dichtern gemeinsam (man denke nur an Gottfried Benns und Arno Schmidts Schimpftiraden über Goethes »Scheißverse«, seine »steifbeinige Geheimratsbehaglichkeit« und »gravitätische Stümperei«). Und so würde kein Literaturwissenschaftler vom anderen behaupten, dieser betreibe so etwas wie ›Wissenschaft‹, ohne ein grellrotes Paar Gänsefüßchen in sein kollegiales Urteil hineinbaumeln zu lassen.

 

Dass ich nun aber, statt weiterhin Diskurs und Jargon meines Fachs zu beflügeln, trotz wohlwollender Förderung hier unten im Keller tätig bin, entbehrt, neben der üblichen lebensgeschichtlichen Umstände, nicht einer gewissen fachgeschichtlichen Konsequenz. Ich verkörpere – bisher allerdings noch als avantgardistische Vorhut und befangen in einer gewissen ›splendid isolation‹ – den Typus des Existenz-Turners. Ich bin sozusagen mein eigener ›turn‹ und knüpfe damit in gewiss recht innovativer Weise an den in der Literaturwissenschaft inzwischen gängigen Prozess der permanenten Revolution, pardon: Metamorphose an. Bekanntlich wird unsere Wissenschaftlichkeit seit dem Ende der so genannten Geistesgeschichte (der Weltgeist habe sie selig mitsamt ihrer verzopften Vorstellung von Sinn & Form!) durch diverse ›turns‹ in Schwung & Trab gehalten, sodass wir uns in regelmäßigen Abständen – früher alle 10 Jahre, heute ca. alle 10 Monate – einmal um uns selbst drehen und von hinten wieder einholen. Ermöglicht wird diese erstaunliche mentale Flexibilität vom quasi serapionistischen Blick, mit dem wir – in hochromantischer Selbstentgrenzung – uns und unsere Wissenschaft kreativ beäugen und immer wieder neu erfinden, meist im Schlepptau irgendeiner knallharten Echtwissenschaft wie Linguistik, Geographie und Neurologie, oder in meinem konkreten Fall, der Niduinquination, der Lehre von der thermodynamischen Unterwanderung großer Häuser. –

 

Am liebsten wäre uns natürlich die Mathematik als Dreh- und Angelpunkt eines neuen Turns. Doch irgendetwas klemmt da im Theoriemechanismus: immer, wenn sich mal wieder jemand an diesen Brocken heranwagt, sich redlich abmüht und plagt, die Schönheit der Sprache durch formale Gesetze zu berechnen, endlich dafür zu sorgen, dass sich der Nebel der Vagheit verzieht, das milchgraue Gespenst des Ungefähren von seiner Beute ablässt und kreischend in den Orkus der Fachgeschichte fährt, kommt irgend so ein Spielverderber dahergelaufen und beginnt zu schwätzen, in typisch germanistischer Manier, bis einem die geordneten Sinne schwinden und man das Denken, das mathematisch reine, wieder einmal auf übermorgen verschiebt. – Ich berechne hier täglich den Druck meiner Rohre, überwache die Temperatur des gesamten Kessels. Damit ist mein Bedarf sowohl an Zahlen wie auch an Empirie weit gehend gedeckt; ich kann die rechenschwachen Kollegen da oben sehr gut verstehen. Einem Legastheniker würde man ja auch kein Germanistikstudium empfehlen. Und so ergeht es dem Positivismus nicht viel besser als der Mathematik. Er soll ruhig noch ein wenig warten, bis er zur Hilfswissenschaft geadelt wird, zumal er ja bereits an der Reihe war, einst ja ganz nett als Stallknecht gedient und brav die Pferde gesattelt, das Stroh der frühen Jahre gedroschen hat. Doch heute, wo Autoren im Sportwagen vorbeibrausen und uns eine lange Avantgardistennase drehen, dabei gnädig das ein oder andere Papierchen aus dem Fenster streuen, über das wir uns, ganz ausgehungerte Meute am Straßenrand, mit Feuereifer stürzen (ich selbst kehre den Kram bisweilen vom Treppenabsatz weg), ist – wo war ich gleich stehen geblieben? – ein anderes Tempo angesagt. Wer heute noch die Zeit hat, eine entlegene Handschrift zu entziffern, oder komplizierte Variantenkollationen anzufertigen, ist selbst Schuld. Wozu schließlich hat man Selbstdenken und Mitdiskutieren gelernt und eines dieser kreativen ›Laberfächer‹ studiert?

 

Wie gesagt: Wer Literaturwissenschaft studiert hat, hat etwas Anständiges gelernt. Da gibt es keine Ausrede. Ich sitze hier im Keller und verübe eine, gesamtgesellschaftlich gesehen, ehrenwerte, wenn auch leicht anrüchige Tätigkeit. Aus meinen Studienkolleginnen und –kollegen sind ausnahmslos achtbare Zeitgenossen und –genossinnen geworden. Wer nicht Journalist, Deutschlehrer oder Germanistikprofessor wurde, hat inzwischen umgesattelt, viele bereits während des Studiums. Einer von ihnen arbeitet z. B. heute als Tierarzt in einer bevölkerungsarmen Gegend in Norddeutschland. Von einem zweiten weiß ich, dass er Wärmflaschen und Blutdruckmesser verkauft, sowie Stützstrümpfe und Windeleinlagen, nachdem er sein Studium der Germanistik und Kunstgeschichte abgebrochen und sich zum Drogisten ausbilden ließ. Viele haben im zweiten Semester eine solche Stützstrumpfkrise. Plötzlich verspürt man das unabweisbare Bedürfnis, doch noch etwas Sinnvolles aus seinem Leben zu machen. Etwas Besseres als Medizin fällt den meisten allerdings dann doch nicht ein. Deswegen ist es unerlässlich, die Vorzüge eines literaturwissenschaftlichen Studiums noch einmal in aller Deutlichkeit heraus zu streichen. Schlechte Ärzte hat dieses Land schließlich genug.

 

Da, wie gesagt, kein Studienanfänger je an meine Tür klopfen und um Hilfe bitten wird – meist verliert sich der Ratsuchende bereits in den oberen Etagen, nie gelangt er bis in die Eingeweide des Hauses – darf ich meinen unmaßgeblichen Gedanken hier also einmal freien Lauf oder zumindest freies Geleit geben. Und so tagträume ich von den vielen jungen Menschen, die, nachdem sie in den oberen Büros der Psychologen und Studienberater so vieles über Assessmentphasen, Eignungstests, Persönlichkeitsmanagement und Portfolios gehört haben, sich endlich, nach Stunden und Tagen, zu mir verirren, mit wirren Gedanken unter ungekämmtem Haar, die Stufen hinuntertorkeln, mir sozusagen über die Schwelle rollen, wie reifes Fallobst nach dem ersten Hagel. »Ach, lass’ doch die Philister da oben«, flüstere ich ihnen ins Ohr, bitte und ziehe sie hinunter in mein Reich. Dort gibt es Kaffee und Kuchen, auch den ein oder anderen höllischen Schnaps. Und ich sage: »Dieses Studium ist unbedingt zu empfehlen. Vor allem, wenn man für technische und mathematische Berufe so ungeeignet ist wie du, mein Kleiner, wenn man morgens nicht so gern aufsteht und abends gerne ins Kino geht, Probleme lieber bespricht als sie zu lösen, wenn man sich nicht die Hände schmutzig machen und auch keine schwere Lasten schleppen möchte, wenn man ein Ding, statt es nachzubauen, lieber von allen Seiten betrachtet, wenn einem das Flüchtige, der Wind und die Schrift lieber sind als die Erde und das Metall.« So, in etwa würde ich sprechen, dabei natürlich auch erwähnen, dass es heterosexuelle junge Männer in den Literaturwissenschaften noch kuscheliger haben als junge Frauen im Maschinenbau. Was für diese die Rolle des blinden Huhns ist für jene die des Hahns im Korb. Maßgeschneidert! Vor allem, wenn er es bis zum Assistenten bringt und bei den zahlreichen Probevorlesungen der nächsten Jahrzehnte dann viel um die Welt kommt. Herrlich! Heute in Flensburg, morgen in Kassel, übermorgen in Dortmund. – Doch es fragt mich ja keiner.

 

Und deswegen fasse ich jetzt einfach hemmungslos zusammen: Literaturwissenschaft sollte man nur studieren, wenn man alles andere gewissenhaft geprüft und verworfen hat. Was natürlich nicht bedeutet, dass man sich nach dem Abitur erstmal einer Schlosserlehre zu unterziehen hätte oder sich zur Stewardess ausbilden lassen sollte, um Himmels Willen! Solche gesellschaftlichen Schlüsselfunktionen sind bereits in mentalen Vorspielen zu eliminieren. Wer auch nur mit dem Gedanken spielt, Literaturwissenschaft zu studieren, ist für solche Berufe bereits nicht mehr qualifiziert. Doch mit einem gut angelegten Gedankenexperiment lässt sich vieles von vorn herein ausschließen. Das gilt für den ehrenwerten Beruf des Parkwächters (nur morsche Blätter!) ebenso wie für denjenigen des Zollbeamten (von Grenzgängern mit der Knarre im Anschlag Papiere einzufordern, widerstrebt meiner pazifistischen Grundgesinnung). Anderes ließe sich ansatzweise durchaus einmal anprobieren, z. B. Bibliothekar (eine passende Alternative für alle, die Bücher mögen, aber zu faul sind, sie selbst zu lesen), Frisör (der kümmert sich auch um die Köpfe anderer Menschen, erlebt aber tagtäglich die Gnade eines sichtbaren Resultats seiner Mühen) oder Architekt (die labern und schwafeln auch lauter wirres und unüberprüfbares Zeug, doch respektieren, wenn auch Zähne knirschend, immerhin die Gesetze der Statik, und man kann in ihren Elaboraten – oh Wunder – oft recht annehmlich wohnen, sodass man dem behaglichen Specksteinkamin in der proportional ausgewogenen Dreiviertelstellung zur Terrasse gerne verzeiht, dass man sich so viele Stunden mit seinem hochtrabend verschwiemelten ›Konzept‹ langweilen musste). Wenn also diese Alternativen erst einmal experimentell tagträumerisch durchlaufen und abgehakt sind, beginnt das eigentliche Problem. Hat man nämlich endlich kapiert, warum man ausgerechnet Germanistik studiert und eben nicht etwa Kirchenmusik, Informatik oder Zahnmedizin, sollte man bei dieser mühsam erworbenen Überzeugung auch bleiben. Da ein literaturwissenschaftliches Studium in der Regel (also außerhalb der Regelstudienzeit) viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als ein, na, sagen wir, Studium der Betriebswirtschaft, bleibt natürlich auch viel mehr Zeit für Zweifel. Es soll sogar Institute geben, in denen die Kultur des Selbstzweifels implizit in den Studiengang integriert ist, zum Beispiel in Form so genannter ›Methodenseminare‹, bei denen die Studierenden gewiss bei jeder Sitzung die Vermutung beschleicht, sich im Raum geirrt zu haben. Ähnliches gilt für die von freihändig und schöngeistig schwebenden Geistern bzw. von in koryphäischen Würden ergrauten Ordinarii regierten Oberseminare, in welchen sich – nicht zuletzt angesichts des ganz gezielt erzeugten darwinistischen Klimas – Selbstzweifel ganz automatisch, gewissermaßen als selbsterfüllende Prophezeiung einstellen: »Bin ich dieser unendlichen Bibliothek überhaupt gewachsen, wie soll ich mich da je zurechtfinden?«, oder: »Hätte ich nicht doch besser Medizin studiert, Theater gespielt oder eine Banklehre durchgestanden, um mich ein bisschen brauchbar oder sozial relevant zu fühlen, Spaß oder wenigstens Sicherheit zu haben?«

 

Auch in dieser entscheidenden Phase des Studiums, die etwa vom zweiten bis zum vorletzten Semester dauert (bei besonders sensiblen Gemütern gibt es dann nochmals einen dramatischen Rückfall mitten in der Abschlussprüfung – und das sind dann genau wieder die Momente, in denen sich für den prüfenden Exstudenten das zu bewähren hat, was man unter ›weicher‹ Wissenschaft versteht.), gibt es keine bessere Entscheidungsfindung als das systematische Eliminieren von (noch schlechteren) Alternativen. Denn seien wir doch ehrlich: welcher auch nur irgend gesunde, nach Selbstentfaltung strebende junge Mensch käme ohne Not auf den Gedanken, ein Fach zu studieren, das früher Philologie hieß und die Liebe (und damit natürlich auch den Eros) sublimatorisch ans Wort bindet, wo – zumal in diesem Alter – sein ganzes Wesen danach schreit, sich reallibidinös zu verströmen, auszubreiten, statt zu binden und kleinkrämerisch auf jeden Buchstaben zu achten. Nein, mit 19 Jahren sollte man sich schon sehr genau überlegen, ob es nicht besser ist, an der frischen Luft zu arbeiten oder sich als Diskjockey und Reiseanimateur zu erproben.

 

Freilich gibt es auch bei uns diese Ausnahmeerscheinungen, die Frühberufenen und Spätgeborenen, deren begnadetes Fachbegehren ein inkommensurables ist, die sich schon morgens beim Aufwachen im Dachgeschoß der elterlichen Vorstadtvilla auf die Vorlesung über althochdeutsche Grammatik freuten wie später auf die neueste Ausgabe von ›Arbitrium‹, weil dort ein Verriss steht, mit dem sie der Assistentin des verhassten Kollegen Hinterfux stellvertretend eins über den hochmütigen Schädel brennen, zu Mittag bereits die beiden Gutachten für die Berufungskommission in M. geschrieben haben (ein gutes und ein schlechtes, für alle Fälle, da man noch nicht absehen kann, ob Kollegin F. den Kandidaten aus W. oder die Frau aus B. vorschlagen wird). Das sind die wahren Stützen unseres Fachs, die Überzeugten, von keinerlei Skepsis Gehemmten/Verunreinigten, gremiengestählt, ubiquitär, als Gutachter, Herausgeber, Mitherausgeber, Vizedekan, aktiv in Forschung (bisweilen auch in der Lehre), unermüdlich und von bewundernswert ungebrochenem Eifer. Diese Damen und Herren wollten im 2. Semester natürlich nicht Medizin studieren, sie wussten ja bereits vor dem Abitur, dass für sie nur ein Leben im Dunstkreis der allerhöchsten Kulturgüter und –geister in Frage käme. Manche von ihnen wussten sogar, an welchem renommierten Institut sie einst Professor werden wollten. – Doch, wie gesagt, bei diesem Typus handelt es sich um einen absoluten Sonderfall. Der gewöhnliche, d. h. klassisch ambivalente Germanistikstudent stellt sich die Sinnfrage täglich neu und täglich frisch. Da hilft es, wenn man die Sache vor dem Spiegel ein wenig einübt. Man stelle sich dabei vor, jemand sage einen Satz wie: »Sie als Literaturwissenschaftler…« oder: »Was sagt eigentlich die Literaturwissenschaft zu diesem Problem?« Man versuche sodann (immer mit prüfendem Blick in den Spiegel), ernst zu bleiben, die Brisanz der Frage zu erkennen und irgendwie ins Existenzielle abzubiegen. Nur so lässt sich ein gut geöltes Labertalent ungehemmt zum Einsatz bringen. Und das geht so: Leichtes Stirnrunzeln, Lesebrille (unabkömmliches Requisit, unbedingt bald zulegen, ruhig auch schon bei 0,25 Dioptrien!) zurechtrücken, leichtes, gepflegtes Räuspern, eventuell Fingerkuppen gespreizt aufeinander zubewegen – so in etwa… Abweichungen werden durchaus toleriert, jedenfalls sollte man mimisch/gestisch irgendetwas einstudiert haben, das den habituellen Zweifel elegant überspielt und dabei dennoch eine gewisse Aura von Langsamkeit und Nachdenklichkeit zurück lässt, ohne allzu manieriert zu wirken.

 

Nur so werdet ihr Krisen und Zweifel überstehen. Und ich sage euch – würde ich zu all denen sagen, die sich doch noch zu mir verirren: Vergesst Schiller! Vergesst die intrinsische Motivation! Das sture Beharren auf sachlichen Interessen ist dysfunktional! Macht es wie die da oben: paukt die asklepiadeische Odenstrophe, aber bitte nur für die Prüfung! Und wenn ihr dann bei Kaffee und Schnaps heulend in meinem Kellerloch sitzt, verrate ich euch noch ein Geheimnis: Die wahren Elite-Universitäten entstehen nicht in Mitteleuropa oder Nordamerika, da hilft weder Tradition noch gefühlte Exzellenz, nein: die Zukunft liegt am Persischen Golf und am Roten Meer. Dort wachsen sie, die Klippschulen der neuen Eliten, mit den Ölmilliarden der Könige und Prinzen und dem philosophischen Geist emeritierter Brotsäcke. Und wenn ihr Glück habt, dürft ihr danach in Mexiko City Literaturseminare für Polizisten halten, damit der allgemeinen Verrohung der Sitten ein kultureller Riegel vorgeschoben wird. Denn sehet: Ihr seid der Kulturriegel! Eure kulturellen, sozialen und historischen Verstehens- und Deutungsleistungen sind global gefragt! Macht es euch bequem, die Welt braucht euch!

 

aus: Antonsen/Boerner/Haupt/Sorg (Hg.): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft? Festschrift für Stefan Bodo Würffel zum 65. Geburtstag. München 2009, S. 77-86