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Ach, Annabelle! Sind Intellektuelle eine bedrohte Spezies? Kleine ideengeschichtliche Inventur & Plädoyer für einen emotional-intellektuellen Roman.

Veröffentlicht am 23.06.2020

(27.12.2019)

Eine kürzere Fassung dieses Blogs befindet sich auf: http://literaturkritik.de

„Annabelle, ach Annabelle / Du bist so herrlich intellektuell / Du bist so wunderbar negativ / Und so erfrischend destruktiv“, sang Reinhard Mey 1972 und traf damit einen Nerv.

„Annabelle, ach Annabelle / Du bist so herrlich intellektuell / Du bist so wunderbar negativ / Und so erfrischend destruktiv“, sang Reinhard Mey 1972 und traf damit einen Nerv. Schon damals, kurz nach den Unruhen vom Frühjahr 1968, dem Beginn der neuen Frauenbewegung und der baldigen Aufsplitterung der Linken in diverse, meist recht theorievernarrte K-Gruppen, grassierte – nicht nur in konservativen Kreisen ­– ein gewisser Unmut gegen linksintellektuelle 68er, deren hochgestochene „negative Dialektik“ (Adorno) angetreten war, den konformistischen Spießer, so Reinhard Mey in seinem Chanson, aus seiner „Gartenzwergidylle“ zu befreien. Der/die/das Intellektuelle erschien im öffentlichen Raum, insbesondere in seiner weiblichen Ausprägung, als besserwissende Nervensäge, der man(n), auch in prinzipiell wohlmeinenden Kreisen, am besten mit einem Stoßseufzer begegnete: Ach Annabelle!

Noch heute findet sich im Duden als Nebenbedeutung für das Lemma „Intellektuelle“ folgender Eintrag: „weibliche Person, deren Verhalten [übermäßig] vom Verstand bestimmt wird.“ Die „logische“ Grundfigur solcher aus dem 19. Jahrhundert stammenden Stereotypen ist die vermeintliche Unvereinbarkeit der Kategorien „Frau“ und „Intellekt“ bzw. deren ideologische Hyperstruktur: der Antagonismus „Natur/Gefühl/Trieb/Unbewusstes“ versus „Vernunft“. Eine Frau mit intellektuellem Diskurs und/oder Habitus war entweder eine hysterische Schnatterliese mit angelesener Pseudobildung vom Typus „Annabelle“ – in Hofmannsthals Drama Der Schwierige heißt sie nicht weniger hochtrabend „Edine“ – oder eine kalte und vermännlichte, blaustrümpfige alte Jungfer vom Schlage eines Fräulein Rottenmeier (Johanna Spyri) oder Fräulein Prysselius (Astrid Lindgren) alias „Prusselise“. Ist die betreffende Dame nämlich tatsächlich klug und gebildet, kann sie keine „richtige“, d.h. natürliche, fruchtbare und damit erotische Frau sein. Ist sie aber eine richtige Frau, kann sie nicht wirklich „intellektuell“ sein. Noch immer schlagen junge und weniger junge Frauen sich mit solchen, heute meist unausgesprochenen, da kaum noch bewussten Double-Bind-Syllogismen aus den Sümpfen des männlichen Unterbewusstseins herum. Aber auch der männliche Intellektuelle hat so manche ideologische Klippe zu umschiffen. Das wusste schon Hölderlin: „Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden. / Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.“

Doch gibt es sie überhaupt? Ernst zu nehmende Menschen beiderlei Geschlechts, die sich selbst – bedenkenlos und ohne rhetorische Verrenkungen – als „Intellektuelle“ oder gar als geistige oder kulturelle „Elite“ bezeichnen? Wohl kaum. Nicht, dass man sich schämen müsste, ab und zu Dinge etwas genauer zu wissen als andere; doch sich auf Grund solcher kleinen narzisstischen Triumphe ein in heute tonangebenden Kreisen geradezu verpöntes Etikett an die Brust zu heften, kommt für die meisten wohl nicht in Frage: dazu ist man sich dann doch zu fein oder wenigstens zu vorsichtig. Das Schlagwort „intellektuell“ sei, so befand schon vor zwanzig Jahren die Heidelberger Germanistin Jutta Schlich, nichts als „ein funktionsuntüchtiges, museales geflügeltes Wort ohne Flügel“.

Doch es geht bei solcher Zurückhaltung nicht nur um das Vermeiden von Etiketten, Schlag- und Reizwörtern. Es geht auch um die Sache selbst, d.h. um die zunehmende Verwerfung komplexer theoretischer Erklärungsansätze im öffentlichen Diskurs. Wer als Expertin in den Medien auftritt und dort als Interview- oder Talkshow-Gladiatorin mit beschränkter Redezeit um die Gunst des Publikums buhlt, versucht zwar, der Rollenvorgabe des engagierten Intellektuellen zu entsprechen, scheitert aber allzu oft an den medialen Voraussetzungen der angestrebten „Vulgarisierung“. Denn wie soll man und frau – angesichts einer diskursiven Erhitzung, in der es oft nur noch darum geht, den ideologischen Gegner möglichst roh in die Pfanne zu hauen – einen differenzierten, womöglich gar historisch reflektierten Standpunkt beziehen, ohne sofort von trivial-populistischen Parolen oder kulturpessimistischen Klageliedern übertönt zu werden? Diese geradezu theoriefeindliche Sucht nach möglichst griffigen und spektakulären Vereinfachungen ist inzwischen auch im Literaturbetrieb und in den Universitäten angekommen. Inhalte müssen schmackhaft und leicht verdaulich gemacht werden, doch nicht, weil das einem genuinen Bedürfnis der Studenten- oder Leserschaft entspräche, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Interessen. Die Gewinnerwartungen sind gestiegen, Subventionen werden gestrichen. Verlagsprogramme gehen kaum noch Risiken ein, Wissenschaft soll möglichst angewandt und zweckorientiert sein. Wer hier protestiert, wird als weltfremder Kultur-Fundamentalist, als „elitär“ und „intellektuell“ denunziert.

Groll und Unmut gegen Intellektuelle äußern sich heute leider weit weniger charmant als in Reinhard Meys satirischem Chanson. Geschürt wird das populistische Ressentiment zurzeit vor allem von polemischen Raufbolden wie Roger Köppel, einst Chefredakteur der deutschen Tageszeitung Die Welt, heute Chefredakteur und Verleger des Schweizer Wochenmagazins Die Weltwoche, die unter Schlagzeilen wie „Die Dummheit der Gescheiten“ den Hass auf alle schürt, die mehr als drei zusammenhängende Sätze benötigen, um einen Gedanken zu erläutern: „Vorsicht bei Intellektuellen!“ schreibt Köppel in der Weltwoche vom 4. Oktober 2017, „Kaum eine Personengruppe ist anfälliger für Irrtümer und leichter zu verführen. […] Wer seinen Doktortitel vorschiebt, um seiner politischen Meinung über den Klimawandel oder Trump einen wissenschaftlichen, also höheren Anstrich zu vermitteln, betrügt immer.“ Schon 1983 brachte Jürgen Habermas in Der philosophische Diskurs der Moderne dieses fundamentale Misstrauen auf seinen ideengeschichtlichen Punkt: Seit Beginn der Moderne werden, so Habermas, Intellektuelle mit „weitreichenden theoretischen Ansprüchen“ von einer (neo-)konservativen, populistischen Rechten als „Verführer“ im Gewande des Aufklärers, als „Priester“ einer neuen Klassenherrschaft diffamiert. Der rechte Populist entziehe dem linken Intellektuellen dessen diskursive Legitimität, indem er seine Ausführungen als arrogant und anmaßend anprangert. So oder ähnlich funktioniert bis heute, explizit oder unterschwellig, die ebenso banale wie wirkungsvolle demagogische Grundfigur solcher Diskreditierungen.

Das traditionelle, bildungsbürgerliche Feuilleton und seine oft kulturpessimistisch gestimmten Protagonisten hingegen verrühren die Figur des Intellektuellen gerne in einem bewusst schwammig gehaltenen Elite-Begriff. In altbekannter, leicht verzopfter Manier bemängeln sie den eklatanten Verlust von Respekt gegenüber „herausragenden Talenten, Leistungen und finanziellen Ressourcen“. „Woher kommt die heute ganz grundsätzliche Eliten-Skepsis?“, fragt der Literaturwissenschaftler und Publizist Hans-Ulrich Gumbrecht am 25. Oktober 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung. Grund für die Fehlentwicklung sei die „historisch beispiellose, spezifisch europäische Gleichheitsbesessenheit“, die zu einer „elitophoben [sic!], Ressentiment geladenen Intoleranz“ führe. Kurz: Der arbeitsscheuen und vergnügungssüchtigen Masse fehle es ganz einfach an Respekt vor „einer Grundsatzentscheidung zugunsten eines Lebens in beständiger Konzentration und manchmal erschöpfender Intensität, anstelle einer Existenz innerhalb wohlfahrtsstaatlich gerundeter Konturen.“ Nicht die sozialen und bildungspolitischen Gründe für die mangelnde Teilhabe weiter Teile der Bevölkerung an intellektuellen Diskursen, nicht die Mechanismen der Kulturindustrie, nicht die wirtschaftliche und verwaltungspolitische Demontage von Bildungseinrichtungen stehen hier zur Diskussion, sondern, leicht überspitzt formuliert: einzig der Skandal, dass Sozialschmarotzer und kulturelle Analphabetinnen sich demokratisch erdreisten, bei Dingen mitreden zu wollen, von denen sie keine Ahnung haben.

Wer keiner der beiden Seiten, weder der populistischen noch der „elitophilen“ zustimmen möchte, wird sich gewissen Beobachtungen und Urteilen dennoch nicht entziehen können, wie beispielweise der zur Eröffnung der vorletzten Frankfurter Buchmesse halb wehmütig, halb hämisch vorgebrachten Diagnose, „die Zeiten, als Suhrkamp-Kultur und intellektuelle Großautoren Diskussionen und Stimmungen prägten“ (FAZ, 10.10.2018) seien vorbei. Der/die/das Intellektuelle scheint eine vom Aussterben bedrohte Spezies zu sein, eine Spezies, die von den einen aus schlechten Gründen gejagt, von den anderen aus ebenso schlechten Gründen unter Naturschutz gestellt wird. Ob diese Diagnose aber tatsächlich zutrifft, ist schwer zu entscheiden. Denn vermutlich gibt es heute genauso viele öffentliche Stellungnahmen von Wissenschaftlerinnen, Schriftstellern und Künstlerinnen zu gesellschaftlichen Fragen wie zu Zeiten der viel beschworenen „Suhrkamp-Kultur“, nur werden ihre Äußerungen nicht mehr mit derselben Emphase als gesellschaftlich relevante „intellektuelle“ Bekundungen geadelt. Axel Honneth hat in diesem Zusammenhang den Begriff des „normalisierten Intellektuellen“ geprägt, der zwar weiterhin seinen Job macht, dabei aber deutlich an Reputation verloren hat.

Intellektuellen-Bashing gehört – wie Tratsch und Klatsch und festgetretenes Kaugummi – zu jedem gut sortierten Schulhof. Streber und Klugscheißer sind unbeliebt: wer alles besser weiß und besser macht, sich dafür gar noch „für was Besseres hält“, wird klein gemacht. Das Pausenkollektiv sorgt dafür, lange bevor es zu „Klassenbewusstsein“, „Gemeinwohl“, „gesundem Volksempfinden“ und ähnlichen Kollektivneurosen heranwächst, dass gewisse mittlere Standards eingehalten werden, dass keiner aus der Reihe tanzt, weder horizontal, noch vertikal. Die pubertäre Peergroup ist hier so unerbittlich wie ein tyrannischer Überwachungsstaat. Sobald sich die Gruppe aber ausdifferenziert hat, sprich: von pädagogischen Autoritäten gesiebt wurde, herrschen andere, vornehmlich hierarchische Gesetze. Noch heute prämieren Lausanner Gymnasien eine(n) ihrer MaturandInnen für deren/dessen ganz spezielle „intellektuelle Ausstrahlung“, während an deutschen Hochschulen alle Jahre wieder um „Exzellenzcluster“ und „Exzellenzstrategien“ gerangelt wird. In institutionell regulierter Form scheint intellektuelle Superiorität also durchaus erwünscht. Allzu frei schwebende Intelligenz, insbesondere im künstlerischen und ästhetischen Bereich, steht hingegen unter zunehmendem Legitimationsdruck. Der Intellektuelle als „Rüpel und Rebell“ (Hannelore Schlaffer) hat ausgedient. Wer Förderanträge für künstlerische Projekte stellt, muss die gesellschaftliche „Relevanz“, bisweilen gar die merkantile Verwertbarkeit seiner Kunst belegen. Theoretische Klimmzüge und intellektuelle Pirouetten lassen Geldgeber heutzutage kalt. Wissenschaft und Kunst waren niemals wirklich „frei“ und „autonom“, der Intellektuelle als glücklicher Bohemien ein Märchen. Doch was früher noch zur Utopie taugte, gilt heute als „naiv“ bis „abgehoben“.

Während die populistische Rechte immer ungenierter versucht, aus dem „natürlichen“ Schulhof-Ressentiment politisches Kapital zu schlagen, indem sie die charakteristische Mischung aus Neid, Bewunderung und Misstrauen gezielt als Echokammer für ihre Hasstiraden missbraucht, erwächst dem klassisch-liberalen Intellektuellen ein zweiter Feind: der intellektuelle Reaktionär, welcher nun – etwa bei der politischen Ummünzung marxistischer Konzepte wie Antonio Gramscis Definition der intellektuellen Avantgarde – seine Diskurshoheit mit autoritativen Argumentationsmustern durchsetzt. Ihm geht es nicht um Aufklärung und die Entwicklung eines kritischen Bewussteins als Basis demokratischer Prozesse. Sein Ziel ist allein die Anerkennung kultureller und gesellschaftlicher Führungsansprüche, mit denen nichtegalitäre Verhältnisse gerechtfertigt und politisch zementiert werden sollen. Paradebeispiele für diese Entwicklung sind Autorenblogs wie „Die Achse des Guten“ oder das Feuilleton der einstmals auch in linksliberalen Kreisen renommierten Neuen Zürcher Zeitung.

Doch schon Jean-Paul Sartres emphatischer Begriff des engagierten Links-Intellektuellen hat diverse Vorläufer in ganz unterschiedlichen politischen Lagern. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kursierte das Wort „intellektuell“ in diversen Pariser Künstlerkreisen. Im Zusammenhang mit seinem Projekt eines „absoluten Buchs“ setzte der Dichter Stéphane Mallarmé seine Hoffnung in eine sich am Höhepunkt ihrer Kunst in Musik verwandelnde „intellektuelle“, sich dem profanen Verstehen entziehende Sprache. Mit dem „Manifeste des intellectuels“ vom Januar 1898, das – gemeinsam mit Émile Zolas legendärem offenen Brief „J’accuse“ – der Dreyfus-Affäre die entscheidende Wende gab, gelangt das Wort „intellektuell“ auch in den deutschen Sprachraum. Auch dort bezog es sich – analog zur französischen Begriffsgeschichte seit Zola – meist auf linksliberale Vorbilder vom Schlage eines Heinrich Heine oder Georg Büchner.

Ein Intellektueller im französischen Sinne verstand sich um 1900 als Vertreter der im Revolutionsjahr 1789 gefeierten Menschenrechte. Demokratisch-aufklärerische Überzeugungen gehörten zu seiner analytischen Grundausstattung. Dennoch ist die eindeutige politische Verortung des Intellektuellen im linksliberalen Lager schon damals ein Mythos. Denn bereits 1889 bezeichnete sich auch ein Dreyfus-Gegner wie der katholische Romancier Paul Bourget als „intellektuell“, um seine konservative Mission aufzuwerten. Mit dem Ersten Weltkrieg erfährt der Begriff sodann eine deutliche nationale Verengung. Aus dem unabhängigen, an liberalen und universellen Grundsätzen sowie am Ideal eines internationalen Ideenaustauschs orientierten Intellektuellen wird eine immer häufiger für patriotische Festreden instrumentalisierte Figur. Intellektuelles verkommt zum Habitus, zur Folklore urbaner Attitüden. Entsprechend harsch – und ganz im Geiste spätromantischer Aufklärungskritik – rechnet der Dadaist Hugo Ball in einem Essay von 1919 mit „der deutschen Intelligenz“ ab: „Der Intellektuelle aus Metier, der fachgelehrte Teufel“ verwende seinen überreizten Verstand als „Geheimpolizei gegen Gott, das Genie und alles naive Geschehen“.

In Frankreich ist der Ruf des Intellektuellen generell besser als im deutschen Sprachraum, seine Rolle klarer definiert, seine Bedeutung größer. Umfassende ideengeschichtliche und soziologische Kollektivwerke wie La vie intellectuelle en France (2016) oder die bereits in den 1990er Jahren erschienenen Monographien von Christophe Charle und Pascale Casanova zeugen von diesem besonderen französischen Interesse am öffentlich engagierten Intellektuellen – ein kulturelles Spezifikum, das auch mit der zentralen Bedeutung der Metropole Paris zusammenhängt, jener „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), in der die Wege zwischen bedeutenden Verlagen und Theatern, literarischen Salons, Künstler-Cafés, Universitäten und Kulturbehörden auch geografisch kürzer waren als zwischen deutschen Provinzstädten.

In totalitären Ideologien standen Intellektuelle mit ihrem kritisch „zergliedernden“ Diskurs hingegen von Anbeginn unter Generalverdacht. Komplexes, nuanciertes, mehrdeutiges und ambivalentes, womöglich gar dialektisches Denken galt als „zersetzend“. Der gesunde Volkskörper brauchte für sein gesundes Volksempfinden klare, gradlinige Vorgaben, schwarzweiß statt grau oder bunt. Dies galt für den Faschismus wie auch für die marxistische Variante des Populismus. Der vielbeschworene Schulterschluss zwischen Arbeiterklasse und bürgerlichen Intellektuellen war im frühen 20. Jahrhundert keineswegs unumstritten. So empfahl August Bebel 1903 auf dem Dresdner SPD-Parteitag, sich jeden Beitrittswilligen genau anzuschauen, „aber wenn es ein Akademiker ist oder ein Intellektueller, dann seht ihn euch doppelt und dreifach an“. Das Protokoll notiert an dieser Stelle „stürmischen Beifall“. Und auch Lenin meinte, Intellektuelle seien stets „mit eiserner Faust“ anzupacken, denn der Bildungsdünkel „wild gewordener Kleinbürger“ – auch aus den eigenen Reihen – sei im Klassenkampf eine Form von Verrat am Proletariat. Eine extreme Form dieses Vorbehalts bestimmte die ideologischen Richtlinien der „Großen proletarischen Kulturrevolution“ von Mao Tse-tung, der zwischen 1966 und 1976 tausende Intellektuelle zum Opfer fielen. Aus heutiger Sicht nur noch schwer verständlich ist in diesem Zusammenhang auch die bis zuletzt anhaltende Unterstützung des Maoismus durch die renommierte französische Intellektuellen-Zeitschrift Tel Quel.  

Besonders stark aber war das anti-intellektuelle Ressentiment im Lager des Faschismus, hier meist einhergehend mit antisemitischen Stereotypen. Für die vitalistisch-antidemokratische Rechte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war „intellektuell“ gleichbedeutend mit abstrakt, rhetorisch, dekadent, verweichlicht, instinktlos, blutleer, undeutsch, jüdisch. Bücher seien an der „großen Tat“ zu messen, verkündeten – in der Nachfolge Friedrich Nietzsches – Vertreter der sogenannten „Konservativen Revolution“ wie der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler. Im Frühjahr 1939 hetzte Propagandaminister Joseph Goebbels in mehreren öffentlichen Reden gegen „besserwissende Intellektuelle“ und „Kathedertheoretiker“. Dem nationalsozialistischen Ideal des „gesunden Menschenverstands“ hätten diese nichts entgegenzusetzen: „Wer das Gegenteil behauptet, rechnet meistens zu jener zahlenmäßig kleinen Schicht von Intellektuellen, die wahre Geistigkeit mit intellektueller Kompliziertheit verwechseln und dabei die starken und bewegenden Kräfte des Herzens dem kalt berechnenden Verstand unterordnen.“ Noch 1969 denunzierte der konservative Soziologe Arnold Gehlen in Moral und Hypermoral den zeitgenössischen Typus des Intellektuellen als weltfremden „Mundwerksburschen“, dessen kränkelnde und frustrierte Psyche auf den Widerspruch zwischen hochgesteckten moralischen Zielen und realer Machtlosigkeit zurück zu führen sei. Hinter solchen ressentimentgeladenen Urteilen verbirgt sich freilich auch eine persönliche Spitze gegen Gehlens linksliberalen Gegenspieler Theodor W. Adorno.

Die „Partei des gesunden Menschenverstands“ ist heute – laut Selbstproklamation – die AfD. Noch beschränken sich ihre Attacken auf WissenschaftlerInnen die zu Genderfragen oder Migrationskultur forschen. Noch sind Forderungen wie die des Journalisten und AfD-Mitglieds Nicolaus Fest, der den „gesellschaftsschädlichen Einfluss der Sozialwissenschaften“ zurückdrängen möchte, indem er vorschlägt, die Anzahl kultur- und sozialwissenschaftlicher Lehrstühle auf fünf Prozent der naturwissenschaftlichen zu beschränken, skurrile Einzelfälle. Doch stehen, inzwischen nicht nur in den USA, auch in der Türkei, in Ungarn und Brasilien und anderen Ländern mit einer vormals liberalen Universitätspolitik, zahlreiche ProfessorInnen, zum Teil ganze Fächer und Fakultäten unter massivem politischem Druck. Dabei hat die Politik Donald Trumps gegen einen Großteil der amerikanischen Universitäten eine gewisse Tradition. Schon Richard Nixon benutzte den Begriff „Egghead“, um seine demokratischen Gegner als bornierte Intellektuelle zu verunglimpfen. Für Franz Josef Strauß waren linksintellektuelle Schriftsteller und Journalisten bekanntlich „politisierende Beatles“ oder ganz einfach „Ratten und Schmeißfliegen“. Und in der Schweiz erinnert man sich an die sogenannte „Hirschhorn-Affäre“, die 2004 dazu führte, dass die nationale Kulturstiftung Pro Helvetia – auf Initiative der SVP – eine Subventionskürzung von einer Million Franken hinnehmen musste.

Vorwürfe kommen aber auch aus den eigenen Reihen. Gerade während des Nationalsozialismus zeigte sich, dass Engagement mehr mit Zivilcourage als mit intellektuellem Wissen zu tun hat. Bitter beklagte Hannah Arendt nach dem Eichmann-Prozess den Opportunismus und die Feigheit intellektueller Freunde in der NS-Zeit. Aus solch moralischem Versagen, aber auch aus den Erfahrungen mit totalitären Weltanschauungen und hybrider intellektueller Selbstüberschätzung, kurz: aus der Einsicht, dass Intellektuelle oftmals den eigenen, in der Tradition Voltaires, Zolas und Sartres stehenden Ansprüchen nicht gewachsen sind, zieht die Postmoderne ihre Konsequenzen. In seinem vielzitierten Essay über das Grabmal des Intellektuellen (1984) äußert Jean-François Lyotard sein Misstrauen gegenüber universellen Konzepten. Die Erlösung der Menschheit durch Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit stünde, so Lyotard, nicht mehr auf der Agenda des postmodernen Intellektuellen. Gefragt seien stattdessen Toleranz und Offenheit sowie die Akzeptanz einer ganz grundsätzlichen Verschiedenheit.

Auch die französische Soziologie der 1970er und 1980er Jahre entwickelte neue Konzepte des Intellektuellen im öffentlichen Raum: Pierre Bourdieu entwirft die Utopie eines intellektuellen Kollektivs, das als internationales Netzwerk politische Verantwortung übernimmt, während Michel Foucault das historisch überholte Modell des „universalen“ vom „spezifischen“ Intellektuellen unterscheidet: hochspezialisierte Fachleute hätten sowohl den Typus des Universalgelehrten wie auch den des „intellektuelle Großautoren“ längst schon ersetzt. Foucaults Einschränkung sollte man jedoch nicht vorschnell als anti-intellektualistischen Argwohn missverstehen, sondern mit Jürgen Habermas und ganz im Sinne von Adornos „Dialektik der Aufklärung“ als Kritik an einem totalitären Begriff von Vernunft, als „selbstkritisches Dementi überzogener Ansprüche“ (Habermas) werten.

Einen weiteren kritischen Aspekt brachten in jüngster Zeit Ideengeschichtler wie Mark Lilla oder Politologinnen wie Chantal Mouffe in die Diskussion. Beide befassen sich mit den Mechanismen der aktuellen Elitenkritik und befürworten, so Mouffe in ihrem Plädoyer „für einen linken Populismus“, den verstärkten Gebrauch von Emotionen im politischen Diskurs der Linken. Der Appell der Philosophin Martha Nussbaum (Umbrüche des Denkens, 2001) an eine humanistische Ethik, die Emotionen einen eigenen Erkenntniswert zugesteht, geht hingegen über diesen pragmatisch-strategischen Zweck hinaus. Ich lese ihre Thesen als Weiterführung von Adornos utopischem „Wishfull Thinking“: „Intelligenz ist eine moralische Kategorie. Die Trennung von Gefühl und Verstand, die es möglich macht, den Dummkopf frei und selig zu sprechen, hypostasiert die historisch zustandegekommene Aufspaltung des Menschen nach Funktionen“ (Minima Moralia).

Wie aber könnte so eine humanistisch „verstehende“, ja: intellektuell engagierte Emotion konkret aussehen? Wäre es denkbar, dass demnächst – analog zu den von Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre, Bernard Kouchner oder Rupert Neudeck initiierten Hilfsaktionen für die vietnamesischen Boat-people Ende der 1970er Jahre – doch noch europa- vielleicht weltweit Schriftstellerinnen, Philosophen, Journalistinnen, Künstler, Wissenschaftlerinnen und Politiker unmissverständlich zu einer sofortigen Überführung und Aufnahme aller Familien und minderjährigen Flüchtlinge aus den überfüllten Lagern in Griechenland aufrufen? Oder ist die Angst der Intellektuellen, für naiv gehalten zu werden, größer als die vor emotionaler Kälte?  

Die Klage über eine mangelnde Emotionalität von Intellektuellen ist freilich ein uralter Hut. So rügte Friedrich Schiller 1793 den „abstrakten Denker“, denn dieser habe „gar oft ein kaltes Herz, weil er die Eindrücke zergliedert, die doch nur als Ganzes die Seele rühren“. Wenige Jahre später begegnete die deutsche Frühromantik den Schattenseiten des aufgeklärten Szientismus mit ihrer Utopie einer sowohl sinnlich-emotionalen wie vernünftig-rationalen „neuen Mythologie“. Diese Synthese aus Vernunft und Gefühl, aus Philosophie und Mythos sei „das lezte, gröste Werk der Menschheit.“ Eine Reaktion auf diese Diskussion ist auch Wilhelm Diltheys geistesgeschichtliche Unterscheidung der „verstehenden“ Geisteswissenschaften von den „erklärenden“ Naturwissenschaften, eine Differenzierung, die in den 1950er Jahren durch Percy Snows Diktum von den „two cultures“ noch verstärkt wurde. Heute ist die Rollenverteilung freilich eine ganz andere. Exakte oder wenigstens methodisch reflektierte Wissenschaft, in der Emotionen – quer durch alle Disziplinen – höchstens Forschungsgegenstand, niemals aber Forschungspraxis sind, steht Bereichen gegenüber, in die das Emotionale gewissermaßen „outgesourct“ wurde: Privatleben, Internetforen, Populärkultur, „Frauenliteratur“ und zeitgenössische Kunst. Die wachsende Zahl an Crossover-Projekten, bei denen Kunst und Wissenschaft versuchen, wieder zusammen zu kommen, zeugen jedoch von einem zunehmenden Bedürfnis nach Entgrenzung der Zuständigkeitsbereiche.

Angesichts der im akademischen Umfeld weiter fortschreitenden Schwerpunktverschiebung von „geistes-“ bzw. kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Perspektiven hin zu mathematisch-naturwissenschaftlichen, ist das neu erwachte Interesse an Emotionen aber auch als Reaktion auf die fortschreitende Digitalisierung des Wissens zu verstehen. Wenn immer mehr Menschen glauben, Bigdata ersetze komplexe Theorien, ganz nach dem Motto: Die Welt lässt sich besser berechnen als beschreiben und verstehen, erwächst der unberechenbaren, spontanen Emotion ein subversives Potenzial, das auch intellektuelle Diskurse stimuliert und verändert. Die „République des Lettres“ verändert sich. Sie wird – einerseits – kleiner, weil immer mehr Menschen immer weniger lesen und schreiben: Digitale Botschaften werden zunehmend als Sprachnachrichten generiert, was Tastatur und Alphabet überflüssig macht. Sie wird aber auch größer, weil – global gesehen – immer mehr Menschen eine Schulbildung erhalten, zu der nach wie vor die Alphabetisierung gehört.

Ein intellektueller Diskurs, der diesen Veränderungen Rechnung trägt – nicht durch wohlfeile Anpassung, sondern durch kritische, auch emotionale Distanz – hat ganz sicher nach wie vor seinen Platz im öffentlichen Raum. Der Soziologe Hartmut Rosa beantwortet die Frage nach der abnehmenden Resonanz von Intellektuellen im politischen Diskurs mit dem Verweis auf eben jene Emotionalität: „Hörbar wird eine Stimme, wenn sie Position bezieht, wenn sie den dahinterstehenden Menschen erkennbar werden lässt. […] Wer sich in diesem Sinne hörbar macht, wird angreifbar und verwundbar. Der akademische Nachwuchs lernt indessen, genau das nicht zu tun.“

Wahrscheinlich liegt genau hier, in dem prekären, durchaus auch riskanten Balanceakt zwischen kritisch reflektierter Distanz, emotionaler Teilnahme und persönlicher Betroffenheit das Potenzial für eine zeitgenössische, nicht-„normalisierte“ Form intellektuellen Engagements. Denn Schneckenhaus und Elfenbeinturm sind passé. Theoretisches Fachwissen ist kein Paravent, kein Ersatz für menschliches Format. Aber die populistische Forderung nach einer Denk- und Wissenskultur, die sich ökonomischen und gesellschaftlichen „Sachzwängen“ unterordnet oder als Infotainment und Quiz-Show in Erscheinung tritt, ist auch keine Alternative.

Zu dieser neuen Engführung von Intellekt und Emotion gehört aber auch, die Schizophrenie des eigenen Rollensplittings, zu dem nicht nur junge AkademikerInnen, sondern auch Künstler und Autorinnen strukturell gedrängt werden, zu überwinden. Sowohl das klassische Konzept der „Belletristik“ als auch das moderne der „Unterhaltungs-“, „Populär-“ oder „Publikumsliteratur“ verbieten explizites politisches Engagement wie auch intellektuell-essayistische Schreibweisen. Kritische Stellungnahmen gelten, wie erst im vergangenen Jahr Jonas Lüscher anlässlich seines Aufrufs gegen Nationalismus und Populismus erfahren musste, als „plumper linker Aktivismus“, während intellektuelle Exkurse, Anspielungen und Digressionen als unliterarische „Überfrachtung“ und „Verzettelung“ gewertet werden. Gefragt sind (nicht nur in den Lektoraten der großen Verlage, sondern zunehmend auch von LiteraturkritikerInnen und Jury-Mitgliedern...) unkomplizierte, auch sprachlich leicht nachvollziehbare, möglichst konsensfähige Storys: „Authentizität“ und Realismus auf der einen, ironisch-poppige Lifestyle-Prosa auf der anderen Seite, oder aber, klar davon abgegrenzt: Fantasy und Science-Fiction. Ausnahmen von dieser Regel werden nur wenigen Auserwählten zuteil, älteren Kollegen ausschließlich männlichen Geschlechts wie Martin Walser, Peter Handke, Adolf Muschg, Felix Philipp Ingold oder Martin Mosebach, die unter dem mehr oder weniger verdienten Label des „Großintellektuellen“, angesiedelt irgendwo zwischen Priester und Universalgelehrtem, ihre Bildung dem geneigten Publikum nun ganz ungeniert servieren dürfen. Intellektuelle Autorinnen wie Elfriede Jelinek, Brigitte Kronauer, Marlene Streeruwitz, Sibylle Berg oder Sibylle Lewitscharoff dagegen kommen (oder kamen...) nur indirekt, mit List und einem raffinierten Versteckspiel zum Zug, sie benötigen Strategien der Camouflage, der Überraschung oder des Skandals, diverse Selbstvermarktungstricks und eine wohl austarierte Brain/Emotion-Balance, um als denkende und nicht nur erzählende Autorin rezipiert zu werden.

Doch auch und gerade nach dem Ende der großen utopischen Narrative, in einer Epoche, da Kulturrelativismus und Wertepluralismus längst vernünftige und liberale Grenzen überschritten haben, alles im Brei eines eindimensionalen Mainstream aufgesogen und in seiner Besonderheit verwässert und verwaschen wird, komplexe gesellschaftliche und kulturpolitische Fragen dem Geschwätz der sozialen Netzwerke und der Macht der kommerziellen Medienindustrie ausliefert werden und die „Selbstverdinglichung des Menschen“ (Jürgen Habermas) immer weiter fortschreitet, braucht es den Einspruch engagierter, emotional betroffener Intellektueller. Und es braucht den Einspruch der Kunst. „Ziel der Kunst“ sei nämlich, so formulierte es der russische Literaturtheoretiker Viktor Šklovskij vor über 100 Jahren, ein „Empfinden“ zu entwickeln, „das Sehen und nicht nur Wiedererkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: die Verfremdung der Dinge und die Komplizierung der Form.“ Das zu erkennen, immer wieder neu zu formulieren, in literarische Praxis umzusetzen und zu erklären, ist, so denke ich, die wichtigste Aufgabe intellektueller Autorinnen und Autoren.

Bekanntlich hat die Melancholie eine manische Kehrseite. Die periodisch wahrgenommene oder nur herbei geredete, womöglich von manchen Betroffenen auch authentisch empfundene  „Intellektuellendämmerung“ (Wolfgang Schivelbusch) ist weder eine soziologisch ermittelte Tatsache noch eine wirklich konsensfähige Beobachtung; erst recht ist sie keine geschichtsphilosophische Fatalität. Der süßen Trauer über vermeintlich Verlorenes ist das saure, aber lohnende, letztlich euphorisierende Geschäft, pardon: Projekt einer ebenso emotions- wie theorie-affinen neuen Intellektualität entgegenzusetzen. Diese kann, soll, darf sich politisch, wissenschaftlich, philosophisch, künstlerisch und literarisch, aber auch pädagogisch und zwischenmenschlich artikulieren, sich hinterfragen und sich ihrer selbst erfreuen. Sie darf sich Zeit nehmen, unverkürzt und unverzagt ihre Dinge weiter und zu Ende denken, sich nicht von Tyrannen und Populistinnen, Empörten und Gestörten, Entscheidungs- und Bedenkenträgern, Influenzerinnen, Bürokraten, Konkurrentinnen und Geschäftemachern, Opportunistinnen und Phlegmatikern verunsichern lassen. Natürlich muss jede/jeder Einzelne entscheiden, wie weit sie/er bei dieser Gratwanderung zwischen Theorie und Emotion geht. Das Rollenfach des/der öffentlich agierenden Intellektuellen ist auf vielfältige Art und immer wieder neu zu besetzen. Es vakant zu lassen, wäre nicht nur jammerschade, sondern vermutlich auch ein gravierender politischer und kulturhistorischer Fehler.