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Toter Buchstabe und lebendiges Wort, oder: warum die Bio-Literatur nichts für Veganer ist.

Veröffentlicht am 09.08.2015

(für J.)

 

In der Literatur gibt es so etwas wie klassische Kampfbegriffe. „Freiheit“ zum Beispiel oder „Autonomie“, auch „Schönheit“, „Form“ und „Autor“ gehören in diese Liga. Der umkämpfteste Kampfbegriff aber ist „Leben“. Die Literatur sei nicht das Leben, heißt es. Fiktion sei schließlich Fiktion, basta! Literatur sei Sprache oder Form und nicht etwa Nachahmung des Lebens: a rose is a rose is a rose (man kann das probeweise auch ganz leicht mit anderen Blumen und Früchten durchspielen: Eine Zwetschge ist eine Zwetschge ist eine Schwetzge, äh Zeschge… auch ohne sich eine dabei abzubrechen.).

 

Oder aber – so tönt das Verdikt auf der Gegenseite: Ohne Leben sei jede Literatur tot. Toter Buchstabe, papierener, lebloser Begriff.  Klingt irgendwie logisch. In Frankreich gibt es neuerdings sogar Kollegen, die einen speziellen „effet de vie“ in Kunst und Literatur entdeckt haben wollen. Dieser Lebenseffekt sei – genau wie das Leben selbst – eine biologische Konstante und nicht etwa auf den Genuss von „eau de vie“ oder sonstigen stimulierenden Lebenselixieren zurückzuführen. Beim Lesen großer Meisterwerke (und um die geht es diesen Kollegen ausschließlich) winde und bohre sich das literarische Leben gewissermaßen aus dem Buch direkt ins Herz hinein: Die Literatur als Bypass des Lebens: ein ebenso klassischer wie  hochmoderner Gedanke!

 

Was aber wäre, wenn die Literatur erst als Tote eine wirklich gute Figur machen würde? Und das jenseits des bekannten Philologen-Bonmots, nur tote Dichter seien gute Dichter. Und – erlauben Sie mir gleich noch eine zweite kleinliche Frage: Wenn Literatur Leben ist, so stellt sich doch unwillkürlich die Frage: ja welches denn eigentlich? Gibt es denn nicht mehrere, noch dazu ganz verschiedene? – Nein, behaupten die von der Lebensfraktion: DAS Leben ist für alle gleich, auch für die Literatur. LebenLebenLeben! Eben! Basta.

 

Nun hat man zwar gehört, dass es noch immer keine wirklich verlässliche naturwissenschaftliche Definition des „Lebens“ gäbe, wie z.B.: Leben entstehe durch Lebensstrahlen und ontologische Vitalkräfte, oder: Leben sei ein besonderer chemischer Zustand toter Körper. Doch das scheint die Biologen nicht weiter zu stören. Meist behilft man sich ersatzweise mit mehr oder weniger vollständigen Merkmalskatalogen, die konsequenterweise darauf hinaus laufen, dass „lebendig“ das Gegenteil von „tot“ sei. Aber, so frage ich mich, wenn schon die Biologie Mühe hat zu definieren, was „Leben“ denn nun eigentlich sei, wie soll dann die Literatur mit dem Leben fertig werden?

 

Wahrscheinlich gibt es keinen erstzunehmenden Dichter, keine ernstzunehmende Schriftstellerin, die nicht irgendwann etwas über Literatur & Leben, meist sogar (wennschondennschon!) über DIE Literatur und DAS Leben, sagen zu müssen gemeint haben, schließlich sind Dichter & Denker ja zuständig fürs Allgemeinmenschliche und den Kollektivsingular. Ich zitiere mehr oder weniger zufällig Ingeborg Bachmann: „Es gibt für mich keine Zitate, sondern die wenigen Stellen in der Literatur, die mich immer aufgeregt haben, die sind für mich das Leben.“ Für sie ist – das entnehme ich nicht nur diesem Zitat – die Literatur das wahre Leben, die Weltliteratur nicht nur die Literatur, sondern die eigentliche Welt.

 

Der „rime-rythme“ von Henri Meschonnic hingegen ist sogar so etwas wie eine eigenständige Lebensform, die man im Grunde nur biopoetisch erfassen könne. Reim und Rhythmus als vitale Macht der Poesie, jenseits von Bedeutung, Rationalität und Ordnung. Man hört die Buschtrommeln der Sprache und gruselt sich wohlig im Dunste des Lebens.

 

Doch für die meisten Autoren bedeutet lebendige Literatur vor allem „Authentizität“. Die Literatur soll nicht in die Schule der Literatur gehen, sondern lieber gleich in die des Lebens. Romantiker, Naturalisten, Futuristen, Beatniks denken so, manchmal sogar richtig kluge, tolle Autoren. In seinem frühen Roman Mansarda (Die Dachkammer, ein „satirična poema“) von 1962 lässt Danilo Kiš einen seiner durchgeknallten Intellektuellen einen jener Sätze sagen, für die man die Dichter küssen oder hassen sollte. Der Astronom Igor bzw. „Bock-Allwissend“ (die englischen Übersetzer nannten ihn „Billy Wise Ass“, die französischen „Bouc le Savant“, was irgendwie besser klingt) behauptet dort Folgendes: „Bücher sind Erfindung. Geschichten für kleine Kinder. Aber wir werden um uns alle Desperados versammeln (dieses Wort gefiel uns zu dieser Zeit besonders) und authentische Geschichten hören, authentische Lebenserfahrungen. Erst das wird die wahre Schule des Lebens sein.“ Kurz bzw. kürzer gesagt: Authentische Lebenserfahrungen sind die Schule des Lebens, noch kürzer: das Leben ist die Schule des Lebens. Was wäre dagegen zu sagen? Nichts! Das geht schon in Ordnung, so oder so, das ist ja das Schöne an Tautologien. „Leben kommt nur von Leben. Kraft erregt Kraft“ meinte auch schon Friedrich Schlegel in seinem Studium-Aufsatz, in dem es um die „organische Entwicklung der Kunst“ ging und – immerhin – um einen „durch verschiedene Körper wandernden Geist“. Das Leben hatte vor 1800 offenbar noch etwas Ätherisches und kam dadurch der Literatur schon mal auf halbem Weg entgegen.

 

Nur – so frage ich mich weiter: Wenn das Leben nur mit dem Leben spielt und ganz für sich bleibt, wie kommt das Leben dann überhaupt in die Kunst und in die Bücher? Oder ist das falsch gefragt? Man könnte ja auch das Leben Leben und die Bücher Bücher sein lassen. Doch es ist schon auffällig, dass alle diese Bücher immerzu etwas anderes sein wollen als das, was sie sind. Die literarische Erfindung sei nämlich „wahrer“ als das Leben selbst, heißt es dann ein bisschen altklug, nicht ganz widerspruchsfrei und wohl auch ein bisschen machtgeil. Wahrer im Sinne von „lebendiger“, natürlich. Der Dichter als der bessere Schöpfer! Das wäre also der Gipfel der Anmaßung: die Literatur sei lebendiger als das Leben, sie sei das bessere, das wahre, das gerechtere oder, um mit Bachmann zu sprechen, das „eigentliche“ Leben. Dann aber müsste sie (Ich versuche, einigermaßen logisch zu bleiben, und hoffe, dass mir das auch gelingt.) vom realen, plump empirischen Leben ja doch irgendwie verschieden sein. Das eigentliche, wahre und bessere Leben kann schließlich nicht dasselbe sein wie das da draußen, das, mit dem wir uns täglich sowieso schon herumschlagen. Das ist ja gerade der Witz an der literarischen Welthaltigkeit.

 

Ein Schweizer Belletristik-Verlag lehnte mein Manuskript mit der Begründung ab, die Zusammenhänge seien „seltsam aufgepfropft“ und ergäben sich nicht „aus den Figuren heraus“, schlimmer noch: die Dinge, von denen ich erzähle, entwickelten sich nicht wirklich „natürlich aus dem Leben und dem Psychologischen“ heraus, das Ganze sei irgendwie zu „klinisch“. Gemeint war wohl: klinisch tot, jedenfalls nicht das, was die Lektorin sich unter „lebendiger Literatur“ vorstellt. – Spontan würde ich heute dazu sagen: lieber scheintot als scheinlebendig. Eine Literatur, die auf den ersten Blick ausschaut, als sei sie mit dem Seziermesser aus dem Sprachkörper geschnitten ist mir allemal lieber als eine, die Mundgeruch hat, weil sie allzu tief den Mief des Lebens einatmet und nicht auf ihre Verdauung achtet.

 

Doch das sind natürlich nur Ausreden. Ich möchte ja auch nicht, dass meine Geschichten sich lesen, als wären sie bloß „ausgedacht“. Denn das wäre das Schlimmste! Das Mögliche des Realen sollen sie schon berühren, also das, was von der Wirklichkeit übrig bleibt, wenn fast alles schon passiert ist. Und deswegen muss ich darauf bestehen, dass meine Texte halt doch so etwas wie lebendig sind. Nur eben auf ihre Art, also eher Seziermesser als Spiegel, Lötkolben statt Fernrohr, Kneifzange statt Fotoapparat. Doch was heißt das schon? Vielleicht erst einmal nur soviel: Dass das Leben nicht einfach in die Literatur „hineinfließt“, sich dort Satz für Satz verbreitet, sich schließlich im Kopf der LeserInnen durchdrückt (Stichwort: Lebenseffekt!) und dabei dann so etwas wie Lebens- und Lesebeulen erzeugt. Nein, so nicht! Das Leben in der Literatur ist… na, sagen wir mal: eine Metapher. Für das Leben. Aber nicht nur.

 

Nun gibt es in der Literaturgeschichte mindestens drei Formen von Leben: das romantische, das avantgardistische und das kleinbürgerliche. Mir sind alle drei nicht geheuer. In den Künstler-Erzählungen der Romantik dreht sich alles darum, dass Kunst mehr sein will und soll als sie selbst. Etwas Höheres nämlich. Das ist gewissermaßen der idealistische Ansatz. Und weil es mit dem Göttlichen nicht mehr so recht klappt, soll wenigstens die Kunst eine echte Schöpfung und damit „lebendig“ sein. Der romantische Maler soll etwas schaffen, bei dessen Anblick wir vergessen, dass es sich bloß um Farbkleckse auf einer Leinwand handelt, d.h. um Metaphorik, Symbolik, Semiotik. Das romantische Bild ist ein Konstrukt, das seine Endlichkeit und Materialität verleugnet, indem es seine eigene Begrenztheit beklagt und – wenn nötig – im Wahnsinn überschreitet. Und so wird die Kunst zu einem Stück Fleisch, zu einem blutigen, stinkenden Stück Wirklichkeit, Eucharistie im übertragenen, ja virologischen Sinne, als habe das Virus des Lebens den Artefakt im Wortsinne infiziert. „Allegorische Gemälde machen nur Schwächlinge und Stümper; mein Bild soll nicht bedeuten, sondern sein“, sagt der Maler Berklinger in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Artushof. Berklinger ist wahnsinnig, doch das ist in diesem Kontext ganz normal, denn nur als Wahnsinniger kann er zum Sprachrohr des romantischen Vitalismus werden.

 

Während die romantischen Künstler ihren Lebenswahnsinn noch halbwegs harmlos in kluge Diskurse und anrührende Geschichten kleiden, hauen die Avantgardisten 100 Jahre später ganz gewaltig auf den Putz. Jetzt sollen Kunst und Literatur pulsieren wie das Leben selbst. Dieses wird nun möglichst direkt und formlos angezapft und dem Kunstwerk mit viel Gebrüll und tierischen Beilauten injiziert. Die vis vitalis steht für sich selbst – roh und brutal. Jetzt geht’s nicht mehr um die Kunst, sondern ums Leben selbst, an und für sich. Basta. Kunst und Leben sind von nun an dasselbe. Deswegen muss die Kunst als Institution erst einmal (natürlich immer im Namen des Lebens!) kaputt, d.h. tot gemacht werden. Das war während des Ersten Weltkriegs. Vielleicht mache ich mir’s jetzt ein bisschen zu einfach, aber ich behaupte ja nicht, dass Marinetti und D’Annunzio Mussolini zu verantworten hätten. Doch vielleicht sollte ich das.

 

Zwar hatten um 1900 die Dekadenzler und Symbolisten dem Naturgehuber der Realisten gerade erst den Garaus gemacht und sich ganz der eiskalten Form veganer Fleisch-, Fell- und Blutlosigkeit verschrieben. Ziel der Kunst war im Symbolismus die tiefgekühlte Lebensferne, der unkörperliche, a-semantische Genuss „reiner“ Formen und Klänge. Kälte und Tod als in Celsius messbare Indikatoren für radikale Ästhetik. Bei manchen, z.B. bei Baudelaire, werden die springlebendigen romantischen Brünnlein definitiv stillgelegt und eingefroren, während bei anderen, z.B. bei Huysmans, wild und völlig planlos herumgepfropft und aufgepfropft wird, nur damit alle sehen, dass Kunst auf jeden Fall besser, vor allem stilvoller als das Leben ist. Doch geht es all diesen Anti-Naturalisten und Anti-Vitalisten letztlich ja doch um Höheres und Geheimes, Hermetisches, Unsagbares, Unfassbares, Abstraktes. Mallarmé als Homöopath, dessen Gedichte wirken, obwohl gar nichts mehr drin ist. Placebo-Effekt der Literatur. Sauber und vegan.

 

Doch nun – wir befinden uns wie gesagt kurz vor dem Ersten Weltkrieg – ist plötzlich wieder das Leben angesagt, allerdings in seiner tödlichsten und destruktivsten Form, ganz als ginge es darum, Libido und Todestrieb schamanistisch zu beschwören und aus den viktorianisch-wilhelminischen Korsetten zu befreien. Man schreibt keine Romane, keine Gedichte oder Theaterstücke mehr, sondern Manifeste, Manifeste mit fetten, wild herum tanzenden Buchstaben, mit springlebendigen Doppelpunkten und virilen Ausrufezeichen, mit einer Syntax, die vor Kraft strotzt und dabei aus allen grammatikalischen Nähten platzt. Ob Dada, Marinetti oder Brechts schlimmer Herr Baal: sie alle zerschneiden und zerstampfen, zerpflücken und zersetzen Bücher und Sätze, Leinwände und Institutionen, damit das Leben, frei und ungehindert von Form und Sinn und ähnlich bürgerlichem Schnickschnack, direkt in die Kunst einfließen und dort in alle Richtungen zirkulieren kann.

 

Das Blöde an der Sache ist bloß, dass beim Zerschneiden und Zerstampfen von 26 Buchstaben zwar sehr viel Material frei wird – da stauben ganze Wolken aus Sprachpartikeln durch die Lüfte, wallen und wabern ganze Lautfelder auf und vermischen sich mit Rauch und Dunst der Kabaretts und Kaffeehäuser – sobald sich der Sturm aber gelegt hat, bleibt nicht viel mehr als eine dünne Staubschicht übrig, die sich als Sand im Getriebe etabliert, wobei anzumerken wäre, dass das Getriebe im Laufe der Jahrzehnte längst von Schmieröl auf Sand als Gleitmittel umgerüstet hat. Jedenfalls flutschen die avantgardistischen Sand- und Staubpartikel inzwischen nahezu geräuschlos durchs Kunstleben.

 

Manfred Hardt befand vor über 20 Jahren, das Hauptmerkmal der klassischen Avantgarde sei der Versuch, „Kunst zu entsublimieren, um sie in Lebenspraxis zu überführen. Und das Werkzeug dieser Verwandlung von Kunst in Leben sei „die Zerstörung der künstlerischen Form“. Besser kann man die Triebtäterschaft der Moderne wohl kaum umschreiben.

 

Und so hat man manchmal den Eindruck, als nähere sich der avantgardistische Vitalismus der dritten und hartnäckigsten Form lebendiger Kunst: der kleinbürgerlichen, d.h. derjenigen, die genau weiß, wie Kunst zu sein hat, vor allem aber, wie sie nicht zu sein hat. Solche kleinbürgerlichen Vorschriften gehen zum Teil recht tief ins Detail, man will nichts „Verkopftes“, nichts „Entartetes“, nichts „Widernatürliches“ und verlangt daher, die Kunst möge sich möglichst dicht am Alltag und seinen kleinen Unmittelbarkeiten orientieren, also: Parataxe, Präsens, Action, „echte Charaktere“ wie aus dem Leben gegriffen, wobei die Vergleichspartikel hier vielleicht genauso wichtig ist wie der biologische Bezug. Denn dass Kunst „wie“ das Leben sein soll, aber – um Himmels Willen – nicht das Leben selbst, auch das ist ausgemachte Sache der Spießer und Lenker.

 

Ja, was nun? Was hat die Literatur mit dem Leben zu tun? Ich muss gestehen, ich bin um die Antwort verlegen. Ich weiß es nicht. Literatur kann das Leben jedenfalls nicht einfach nachahmen, sie kann es auch nicht abbilden oder darstellen. Genauso wenig kann sie es ignorieren oder gar widerlegen.

 

Natürlich wollen wir dem Tod etwas entgegen stellen. Etwas Bleibendes. Und dann schreiben wir unsere Memoiren und denken, es sei Literatur, lebendig bleibende zumal, während wir selbst sterben. Wenn dem so wäre, dann wäre das Leben in der Literatur eine Art Beschwörung des Todes. Für Mystiker wie Gottfried Benn mag das auch zutreffen. – Man kann die Sache aber auch ganz anders sehen. Zum Beispiel so: Das Leben ist überall da, wo die Literatur nicht ist. Das Leben ist das, was nicht im Text steht. Das was fehlt und erst beim Schreiben, und dann beim Lesen begehrt wird. Dieses Verlangen nach dem Leben. Das meine ich. Vielleicht ist genau das ja das Lebendige an der Literatur. Ja, vielleicht.